Der Patron des vielfach ausgezeichneten 5-Sterne-SPA-HOTEL Jagdhof und langjährige Tourismusfunktionär über den Wandel des Stubaitals, Ganzjahrestourismus, schneesichere Reiseangebote sowie die wachsende Bedeutung von Wellness und Kulinarik
Armin Pfurtscheller kennt den Tourismus im Stubaital nicht nur aus der Perspektive eines Hoteliers. Rund 25 Jahre engagierte er sich als Funktionär im Tourismusverband, als Vorstandsmitglied und Aufsichtsrat und zuletzt als Aufsichtsratsvorsitzender. Bereits beim Zusammenschluss zum heutigen Tourismusverband Stubai Tirol war er als Obmann-Stellvertreter daran beteiligt, das Tal stärker als gemeinsame Destination zu entwickeln. Den Ausbau touristischer Infrastruktur und Angebote sowie den Wandel hin zu einer immer vielseitigeren Ganzjahresdestination hat er damit über Jahrzehnte begleitet.
Parallel entwickelte die Familie Pfurtscheller den Jagdhof stets mit trendsetzenden Innovationen weiter. Das seit Jahrzehnten familiengeführte Traditionshaus ist Mitglied von Relais & Châteaux und zählt heute mit zahlreichen Auszeichnungen zu den besten Hotels weit über die Grenzen Österreichs hinaus. Erst kürzlich kam eine Ehrung bei den „Oprah Daily Hotel O-wards 2026“ von Oprah Winfrey hinzu: Der Jagdhof zählt zu den weltweit ausgewählten Wellnesshotels. Die Hubertusstube trägt einen Michelin-Stern und vier Hauben, und auch der außergewöhnliche Weinkeller des Hauses wurde international prämiert.
Im Interview spricht Armin Pfurtscheller über die Veränderungen im Stubaital, neue Anforderungen an alpine Destinationen und darüber, warum Innovationen für ihn nie an der Hoteltür enden.
1. Herr Pfurtscheller, Sie haben sich rund 25 Jahre im Tourismusverband engagiert und die Entwicklung des Stubaitals über einen langen Zeitraum mitgestaltet. Was hat sich im Tal am stärksten verändert?
Sehr viel. Als ich angefangen habe, war die Trennung zwischen Winter und Sommer noch wesentlich stärker. Im Winter kam man zum Skifahren, im Sommer zum Wandern. Heute ist das Angebot sehr viel breiter und das Stubaital wird viel stärker als eine gemeinsame Destination gedacht. Der Gast interessiert sich schließlich nicht dafür, an welcher Gemeindegrenze ein Angebot beginnt oder endet. Er kommt ins Stubaital.
Wir haben in den vergangenen Jahren im Stubaital enorm viel entwickelt. Wanderwege und Radangebote wurden stark ausgebaut, Attraktionen wie Top of Tirol und die spektakuläre Hängebrücke wurden geschaffen, Familien- und Freizeitangebote geschnürt und bestehende Infrastruktur immer wieder verbessert. Heute gehören Erlebnisberge, Abenteuerspielplätze, Themenwege oder die Sommerrodelbahn genauso zum Angebot wie unsere klassischen Wanderwege und natürlich der Gletscher. Für mich war dabei immer wichtig, dass Innovation nicht an der eigenen Hoteltür aufhören darf. Ein ausgezeichnetes Hotel allein macht noch keine ausgezeichnete Destination. Hotels, Bergbahnen, Gemeinden und Tourismusverband müssen gemeinsam dafür sorgen, dass es für den Gast immer wieder neue Gründe gibt, ins Tal zu kommen.
Und denselben Anspruch haben wir natürlich auch an unser eigenes Haus. Der Jagdhof ist ein Traditionshaus und Mitglied von Relais & Châteaux, aber Tradition darf niemals Stillstand bedeuten. Deshalb investieren wir kontinuierlich weiter. Dass heute unser Spa international ausgezeichnet wird, unser Weinkeller Anerkennung findet und mein Sohn Alban einen Michelin-Stern und vier Hauben für die Hubertusstube erkocht hat, zeigt für mich sehr schön, wie Tradition und Weiterentwicklung zusammengehören.
2. Alpine Destinationen werden häufig noch in eine Winter- und eine Sommersaison unterteilt. Ist dieses Denken überholt?
Ganz verschwinden wird diese Unterscheidung natürlich nicht. Sommer und Winter bleiben für uns zentrale Zeiten im Jahr, aber wir sind längst eine Ganzjahresdestination geworden. Frühjahr und Herbst sind enorm attraktiv geworden, und auch der Sommer gewinnt im Zuge des „Coolcation“-Trends beständig an Bedeutung. Dabei hilft uns zunächst das Stubaital selbst. Mit dem Gletscher bieten wir eine lange Wintersaison, und von Frühjahr bis Herbst bieten unsere Wander- und Fahrradrouten im Tal tolle Möglichkeiten.
Wellness und Kulinarik kommen als Reisegründe dazu und sind überhaupt nicht an eine einzelne Jahreszeit gebunden. Dadurch entstehen mittlerweile vier unterschiedliche Reisezeiten, die jeweils ihren eigenen Charakter haben. Unsere Zukunft liegt deshalb aus meiner Sicht nicht darin, die klassische Hauptsaison einfach immer weiter auszudehnen. Wir müssen jeder Jahreszeit ihre eigenen Gründe für eine Reise geben.
3. Wie wichtig ist die Schneesicherheit des Stubaier Gletschers für die langfristige Positionierung der Region?
Das ist natürlich ein riesiger Vorteil. Durch die Höhenlage von über 3.000 Metern haben wir am Stubaier Gletscher in der Regel von Oktober bis Mai wirklich gute Wintersportbedingungen. In vielen Skigebieten liegt die Bergstation tiefer als unsere Talstation hier. Klar, wir dürfen nur versprechen, was die Natur halten kann. Wetter und Schneelage bleiben Faktoren, die wir nur bedingt beeinflussen können. Aber uns geht es dabei natürlich deutlich besser als tiefer gelegenen Skigebieten. Besonders spannend finde ich die Übergangszeiten. Oben am Gletscher kann man schon oder noch Ski fahren und unten im Tal sind gleichzeitig ganz andere Aktivitäten möglich. Wir bieten unseren Gästen einen komfortablen Gletscher-Shuttle an. Das löst dann auch den praktischen Teil. Die Gäste kommen bequem ins Skigebiet und wieder zurück und können sich anschließend bei uns vollumfänglich verwöhnen lassen.
4. Frühjahr und Herbst gelten in vielen Bergregionen weiterhin als Nebensaison. Was macht diese Reisezeiten für Ihre Gäste interessant?
Ich finde beide Jahreszeiten eigentlich mit am reizvollsten. Gerade dann kann man Dinge kombinieren, die mitten im Winter oder Hochsommer so nicht möglich sind. Vormittags ist man beispielsweise auf dem Gletscher und am Nachmittag lässt man es sich auf der Terrasse bei Sonnenschein gut gehen oder verbringt Zeit in unserem 5.000 m² großen Naturgarten. Dazu kommt, dass diese Zeiten häufig etwas ruhiger sind. Man hat mehr Raum und kann spontaner sein. Viele unserer Gäste genießen es, ihren Tag ohne großes Programm zu gestalten.
Besonders der Herbst ist für die kulinarischen Angebote ein absoluter Tipp. Das ist eine wunderbare Zeit für Genusswanderungen, Wein und gutes Essen. Wir unterstützen das mit besonderen Veranstaltungen wie unseren Weintagen und „Cooking with Friends“. Auch unsere traditionellen Automobilveranstaltungen im Frühjahr und Herbst haben sich über viele Jahre zu eigenen Reiseanlässen entwickelt. Dabei ist mir aber wichtig: Wir versuchen nicht einfach, eine schwächere Saison künstlich mit Events zu füllen. Die Region und die Jahreszeit müssen selbst attraktiv sein. Unsere Aufgabe ist es, den Gästen besondere Erlebnisse zu bieten, denn das erwartet der anspruchsvolle Gast heute.
5. Welche Veränderungen beobachten Sie beim Reiseverhalten Ihrer Gäste?
Klassische Urlaubskategorien werden immer unwichtiger. Gäste wollen sich nicht mehr unbedingt für einen reinen Ski-, Wander-, Wellness- oder Familienurlaub entscheiden. Sie möchten ein breites Angebot haben und spontan auswählen können. Auch innerhalb einzelner Gästegruppen sind die Wünsche sehr heterogen. Die einen wollen morgens auf den Berg, die anderen lieber ins Spa. Viele wollen auch beides. Und am Abend möchte man gemeinsam gut essen.
Für Familien haben wir deshalb geräumige Suiten, unseren Kitz & Teens Club, unsere Wasserwelt, einen Spielplatz und besondere Wellnessangebote für Kinder und Jugendliche. Natürlich können unsere Gäste auch das BIG Family Stubai-Programm nutzen. Aktive Gäste machen bei unseren geführten Wanderungen oder Fitness- und Yogastunden mit oder nutzen unsere Tennisplätze. Paare schätzen oft die Ruhe in der Private Spa Suite oder ein romantisches Abendessen in unserer Fondue-Gondel, dem kleinsten Gourmetrestaurant in Tirol.
Bei uns muss niemand einem festen Programm folgen. Der Gast soll die Möglichkeiten haben und selbst entscheiden, wie sein perfekter Tag aussieht.
6. Welche Rolle spielt Wellness bei der Entwicklung zum Ganzjahresreiseziel?
Wellness ist bei uns längst nicht mehr die Alternative für einen Regentag. Für viele Gäste ist es inzwischen der eigentliche Reisegrund. Deshalb haben wir das jSPA über viele Jahre konsequent weiterentwickelt. Heute umfasst es 3.000 m² mit mehr als 20 Bade-, Sauna- und Relax-Erlebnissen. Zuletzt haben wir mit unserem SPA-CHALET und der Private Spa Suite erneut investiert.
Dass diese Arbeit international wahrgenommen wird, freut uns natürlich besonders. Unser Spa wurde über die Jahre vielfach ausgezeichnet und 2026 gehörte der Jagdhof bei den „Oprah Daily Hotel O-wards“ zu den weltweit ausgewählten Hotels für besondere Wellness- und transformative Reiseerlebnisse. Solche Auszeichnungen sind eine schöne Bestätigung, aber sie dürfen nie ein Grund sein, stehenzubleiben. Unser Verständnis von Wellness geht ohnehin weit über einzelne Anwendungen hinaus. Wir verbinden auf Wunsch Behandlungen mit Ernährungscoaching, Bewegung und weiteren Bausteinen. Darauf abgestimmt wird auch unsere jBALANCE Küche mit vegetarischen, veganen und kohlenhydratreduzierten Gerichten.
Wellness beschränkt sich bei uns nicht auf den Behandlungsraum, sondern zieht sich durch den gesamten Aufenthalt. Gerade Frühjahr und Herbst sind dafür ideal, weil viele Menschen dann bewusst Ruhe suchen und sich wirklich Zeit für sich nehmen möchten.
7. Auch die Kulinarik nimmt im Jagdhof einen besonderen Stellenwert ein. Kann sie zur Saisonverlängerung beitragen?
Ja, das merken wir auf jeden Fall. Gutes Essen und guter Wein sind zu jeder Jahreszeit ein Grund für eine Reise. Unser Sohn Alban prägt das Haus kulinarisch inzwischen in dritter Generation. Dieses Jahr hat er für unsere Hubertusstube seinen ersten Michelin-Stern erkocht. Hinzu kommen vier Hauben. Das macht einen als Vater natürlich besonders stolz.
Eine ganz besondere Rolle spielt auch unser Weinkeller. Wein ist eine Leidenschaft, die unsere ganze Familie teilt. Über die Jahre haben sich rund 1.250 Positionen und etwa 20.000 Flaschen versammelt. Unsere Weinauswahl wurde international ausgezeichnet. Das ist heute weit mehr als nur der Keller eines Hotels und für viele Gäste ein Erlebnis für sich. Darauf bauen Weinverkostungen, Degustationsabende und unsere jährlichen Weintage mit Raritätenverkostung auf. Bei denen dürfen wir regelmäßig Vertreter einiger der renommiertesten Weingüter der Welt begrüßen und gemeinsam mit ihnen und unseren Gästen ganz tief in einzelne Weine, Regionen und Jahrgänge eintauchen.
Für unser „Cooking with Friends“-Format nutzt Alban sein Netzwerk in der Sternegastronomie und kombiniert immer wieder unterschiedlichste Köche und Küchenstile. Da wird jeder Abend zum kulinarischen Unikat. Solche Reisegründe sind für einen Ganzjahrestourismus enorm wichtig, denn für ein außergewöhnliches Essen oder ein besonderes Weinwochenende braucht niemand eine bestimmte Schneehöhe oder eine bestimmte Temperatur.
8. Nach 25 Jahren Engagement im Tourismusverband: Welche Verantwortung tragen einzelne Hotels bei der Positionierung einer ganzen Destination und wo sehen Sie das Stubaital in Zukunft?
Eine große Verantwortung, aber eben niemals alleine. Das ist vielleicht eine der wichtigsten Erfahrungen aus meiner Zeit im Tourismusverband.
Auch wenn wir das einzige 5-Sterne-Haus im Stubaital sind, sind wir auf das ganze touristische Ökosystem angewiesen. Kein Hotel kann alleine eine Destination etablieren. Dafür müssen Gemeinden, Bergbahnen, Tourismusverband, Gastronomie und Hotellerie zusammenarbeiten. Der vielleicht wichtigste Schritt der vergangenen Jahrzehnte war deshalb, das Stubaital zunehmend als Einheit zu denken. Der Gast unterscheidet nicht zwischen Neustift, Fulpmes, Telfes, Mieders oder Schönberg, wenn er seinen Urlaub bewertet. Er erlebt das Stubaital.
Programme wie BIG Family Stubai oder die Stubai Super Card zeigen, wie gut eine solche Zusammenarbeit funktionieren kann. Die Region schafft Infrastruktur, Naturerlebnisse und Aktivitäten. Wir als Hotel ergänzen das mit dem Service und den Angeboten, die im 5-Sterne-Segment gefragt sind. Umgekehrt können einzelne Betriebe aber auch Impulse setzen. Wenn Gäste beispielsweise wegen der Hubertusstube ins Tal kommen, stärkt das die kulinarische Wahrnehmung der gesamten Region. Dasselbe gilt für besondere Wellnessangebote oder Veranstaltungen. Diese Wechselwirkung müssen wir weiter fördern. Das Stubaital sollte nicht versuchen, aus allen vier Jahreszeiten dieselbe Saison zu machen. Unsere Stärke liegt gerade in den Unterschieden.
Unsere Zukunft liegt nicht in einer immer längeren Hauptsaison. Sie liegt in vier Jahreszeiten, von denen jede einen eigenen Grund für eine Reise bietet.
